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| M’era Luna 2007 |
M’era Luna 2007Ein paar Eindrücke von Claus KlimekAm 11. und 12. August war es wieder so weit: der Flugplatz Hildesheim räumt die Hangars und die Landebahn wird zur Partymeile. Auch dieses Jahr wurde wieder ein (bunter) Strauß an Newcomern und etablierten Music-Acts diverser Genres überreicht.
Wie durchaus großzügig
hier die „Schwarze Szene“ definiert wurde, konnte man bereits am
Samstag Mittag im Hangar erleben, wo FAIR TO MIDLAND
aufspielten und ein wenig Seventies- Charme versprühten.
Kraftvoll und emotional, ruhig bis ekstatisch erzeugten die Herren
aus den Vereinigten Staaten eine überaus fesselnde
Alternativ-Rock-Atmosphäre. Hei Ho! Mit diesen gegrölten Worten begannen CULTUS FEROX ihr nachmittägliches Gauklertreiben und verwandelten mit allerlei Spielmannsgerät den Hangar in einen recht bunten Marktplatz und mit rauchiger Stimme wurden Geschichten aus der Welt des Mittelalters und des Piratendaseins erzählt und Seefahrerromantik verbreitet. Hin und wieder springt ein Funke von der Bühne in das Publikum, manchmal nicht, bei COVENANT sprang er. Charismatisch und kraftvoll in der Stimme und zurückhaltend in den Gesten präsentierten die Schweden aus ihrem reichhaltigen Hitsortiment. Passend zur nachmittäglichen Sonne in schneeweißem Anzug und Hut gekleidet, weckte Sänger Eskil Simonsson Assoziationen vom „Schneider von Panama“ und irgendwie hatte man den zugegebenermaßen kaum nachprüfbaren und daher höchst subjektiven Eindruck, dass Covenant so richtig Lust zu spielen hatten. Es geht immer etwas opulenter, theatralischer oder reizender. Bei EMILIE AUTUMN aber nicht mehr sehr viel. Eine Show mit Anleihen aus Cabaret und der surrealen Welt von Alice im Wunderland: süß wie Honigersatz und bitter wie das Leben selbst. AND ONE liebt uns! Jaaaa! Und ganz bestimmt nur ein Kleinwenig weniger, als sich selbst. Zumindest hat das der Herr Naghavi gesagt, kurz nachdem er das M’era Luna nach seinem eigenen Auftritt für offiziell beendet erklärt hat und der Herr Naghavi würde das doch nicht einfach so dahin sagen, oder?! Wer jedoch Teile des sehr umfangreichen eigenen Repertoires ungespielt lässt, um Werke der Konkurrenz (Pitchforks Timekiller und The Cures The Walk) zu interpretieren, bekommt von mir auf jeden Fall das Prädikat „Coole Sau“. Und direkt im Anschluss hätte man fast vermuten mögen, das sich des Herrn Naghavis Worte als Prophezeiung entpuppen könnten: das Ende der Welt und damit das vorzeitige Ende der Veranstaltung schien sich an zu kündigen, als TOOL Samstag Nacht die Werkzeuge der Apokalypse auspackten. Unglaublich beunruhigende Klangkollagen, ein Schlagzeug der Marke „Es Darf Ein Bisschen Mehr Sein“, eine dumpf treibende bis kreischende Gitarre kombiniert mit klagendem Gesang oder auch mal Megafon- verzerrtem Sprechgesang und das alles vor vier Großbildleinwänden, auf denen das Ende der zivilisierten Welt zelebriert wurde. Bombastische Farbspiele, Wasserdarstellungen, geheimnisvolle Schriftzeichen und düstere Filmsequenzen verwandelten den Auftritt in ein multimediales Gesamtkunstwerk, dem man sich einfach nicht entziehen konnte. Ich zumindest nicht. Auf einen Frontmann im herkömmlichen Sinn verzichteten Tool dabei. Das gesamte Konzert hindurch behielt Sänger Maynard James Keenan seine Position vor der Projektionsfläche Mitte Links bei und gab seinem Publikum kaum mehr als seinen Schattenriss zu erkennen. Da dies jedoch so ziemlich der hellste Platz auf der nicht wirklich hellen Bühne war, war er schon irgendwie „vorne“. Es gibt halt mehr als einen Weg, im Vordergrund zu stehen. So besonders viel zu sagen schien Erk Aicrag am frühen Nachmittag im sonntäglichen Hangar bei RABIA SORDA ja nicht zu sagen zu haben, im strengeren Sinn des Wortes zumindest, dafür aber jede Menge zu schreien, brüllen und stimmgewaltig ins Ohr der Zuhörer zu hämmern. Mit einer homöopathischen Dosis Melodie, einer im Vergleich zum Schwester-Projekt Hocico entzerrten Stimme und der atavistischen Urgewalt der akustischen Trommel bewegen die drei die Zuhörerschaft, reißen sie mit, treiben sie regelrecht vor sich her. Richtig gut! „Cry Little Sister“ aus dem 80er Jahre Joel Schumacher Teenie-Vampir-Film „The Lost Boys“ wählten THE 69 EYES als Einmarschmusik und gaben damit in gewisser Weise auch recht deutlich die Richtung des Folgenden vor. Irgendwo zwischen Blacky Lawless und Axel Rose, gewürzt mit einer Prise Peter Steele und abgerundet mit einem Schluck Ville Valo verkörpert Frontmann Jyrki 69 das Fleisch gewordene Sinnbild des Rock’ n Roll und da darf natürlich weder die Lederweste noch das kecke Tüchlein am Gürtel fehlen. Und während ich den Ausführungen über des Teufels Hörner oder dem Vergnügen, welches eine handelsübliche Rasierklinge bereiten kann, lauschte und mir die alle auf „irgendwie-schon-ein-wenig-evil“ gestylten Jungs auf der Main Stage betrachtete, kam mir unwillkürlich die Frage in den Sinn, ob die 69 Eyes einen Paragrafen in ihrem Plattenvertrag stehen haben, welcher sie verpflichtet, auf einer Tour eine bestimmte Anzahl an Fernsehern aus dem Hotelfenster zu werfen? Haben The 69 Eyes den Gothicrock neu erfunden? Sind sie lediglich eine Boygroup für die bösen Mädels oder haben sie das Showbiz einfach etwas besser verstanden, als viele andere? Keine Ahnung! Aber scheiß drauf: SIE ROCKEN! Die Hütte war voll und hat sich höllisch amüsiert und ich mittendrin! Semitransparente hinterleuchtete Vorhänge lassen die bereitstehenden Honey und Co. erahnen, als ein nicht weiter vorgestellter Herr die Bühne betritt und Harry’s „Ich habe versagt...“ Monolog aus „Verschwende deine Jugend“ zum Besten gibt und konstatiert, dass WELLE: ERDBALL nicht spielen werden. Kaum hat er geendet, huschen fleißige Helfer herbei, um die Vorhänge auf zu ziehen und das Konzert doch beginnen zu lassen. Dass die Vorhänge zu allem Überfluss ein wenig hakten und sich dieser Prozess daher auch noch etwas hinzog, lässt mich zum Schluss kommen, dass man sich dieses Intro ruhig hätte sparen können, denn was danach kam, war aller Ehren wert und vor allem mit Kraftwerks „Roboter“ haben Welle: Erdball einen echten Kracher-Opener abgeliefert. Nichts gegen einen kleinen Scherz, dieser hier hielt einfach nicht das Niveau des folgenden Konzertes. Coverversionen sind ja immer eine zwieschneidige Angelegenheit, vor allem, wenn das Original schon zu einer Legende geworden ist, diese jedoch bezeichne ich mal als überaus gelungen. Man mag es vielleicht kaum glauben, aber Welle: Erdballs Roboter gerieten noch ein wenig künstlicher, noch ein wenig synthetischer als die Kraftwerk- Maschinen. Konsequent auf die Farben Schwarz, Rot und Weiß setzend, zeichnen die vier eine wunderschöne Horrorvision eines faschistischen, entmenschlichten Staates. Perfekt, absolut makellos, in Röcken, die kürzer kaum sein können und den Schiffchen kokett auf den Betonfrisuren: so staksten Plastique und Frl. Venus in ihren Fantasie-Stewardessen- / Krankenschwesteruniformen über die Bühne und symbolisierten unerreichbare, begehrenswerte und doch tote Weiblichkeit. Irgendwie sahen Frl. Venus, Plastique, A.L.F. und Honey generell aus, als hätte Joseph Goebbels Albert Speer den Auftrag erteilt, Barbie und Ken neu zu entwerfen. Dass alle vier in Masken die Bühne betreten hatten, war außerhalb der ersten Reihen nicht zu erkennen, daher kam es schon überraschend, als diese sich die Gesichter aufklappten und ihr Wesen als künstlich enthüllten. Nun kann man ja verschiedener Auffassung sein, ob man als Künstler derart deutlich mit verfänglicher Symbolik spielen darf, ich denke ja, kann aber durchaus andere Standpunkte zu diesem Thema nachvollziehen. Es sei in diesem Fall jedoch angemerkt, dass man Welle: Erdball, im Gegensatz zu manch anderer Combo, schon mit Vorsatz missverstehen müsste, um bei ihnen Sympathien für das dritte Reich oder Militaria zu vermuten. Die Ansage zu Starfighter F 104G über die 117 in Friedenszeiten getöteten Bundeswehrpiloten spricht da eine deutliche Sprache. Nach einem kurzen Kostümwechsel kamen die Damen in netten, sauberen und auf ihre Art nicht wesentlich weniger künstlichen Pünktchenkleidchen auf die Bühne zurück und brachten dann auch ein paar übergroße Luftballons zum Spielen mit. Monoton und Minimal fehlte nicht und mit einer von mir nicht kommentierbaren Version von Fehlfarbens „Es geht voran“ verabschiedeten sich Welle: Erdball von einem überaus begeisterten Publikum im vollen Hangar.
Dass die Überarbeitung der eigenen Werke mit Hilfe eines großen Orchesters nicht in eine überladene Bombastorgie ausarten muss, bewiesen DEINE LAKEIEN UND DIE NEUE PHILHARMONIE FRANKFURT. Dem weicheren Klang der Akustischen Instrumente geschuldet nahm Alexander Veljanov einiges an der sonst hin und wieder aufkeimenden Schärfe aus der Stimme und fügte sich in ein harmonisches Ganzes. Vor allem das 93er „Follow Me“ bekam eine neue Tiefe, einen fein ausgearbeiteten Spannungsbogen. Filigran, schwungvoll und geradezu poetisch startend, erzeugten die Herren Dienstboten mit dem Einsatz der Bläser einen durchaus traditionellen aber unglaublich wirkungsvollen Höhepunkt.
Den Schlusspunkt Sonntag Nacht setzten THE JESUS AND MARY CHAIN, deren Auftritt die Menge schon ein wenig zu spalten schien. Teils sehnsüchtig erwartet und teils nur am Rande wahrgenommen, war der Platz vor der Main Stage nicht so berstend voll, wie man es bei stärker Show- und Effekt- orientierten Headlinern der letzten Jahre gewohnt war. Ruhig, eher konzentriert als gelangweilt, ohne Schnickschnack oder jedwede Rock’n Roll Attitüde und weit davon entfernt einen neuerlichen „The Jesus And Mary Chain Riot“ auszulösen, trugen die Schotten ihre Gitarren- Songs vor. Untermalt wurde das Ganze von kraftvoller, tendenziell monochromer Beleuchtung mit langen Sequenzen. Kein wildes Geflacker, keine Explosion, kein Rauch, aber wer sich darauf einließ, konnte sich von der Musik tragen lassen und nach hause schweben, oder zumindest bis zum Zelt.
Neben den genannten, wurde dem Publikum noch eine ganze Palette weiterer Leckerbissen geboten, die hier ausführlich zu beschreiben, etwas den Rahmen sprengte. Kurz erwähnt werden könnte vielleicht noch, dass es sich bei den Showeinlagen von SKINNY PUPPY’s Nivek Ogre tatsächlich um wirkliche Ekstase handeln könnte, da dieser sich kurz vor Ende des (ungemein guten) Gigs so richtig mächtig lang gemacht hat, als die nahe Monitorbox offenbar das Universum seiner Wahrnehmung verlassen hatte. Auf Assimilate haben die Kanadier auch dieses Jahr verzichtet. Des Weiteren wurde ich noch Zeuge eines Streitgespräches, ob sich DIR EN GREYs Sänger Kyo nun wirklich den Mund aufgeschnitten hat, oder ob lediglich Kunstblut geflossen ist. Zur Lösung dieser Frage kann ich hier leider keine Informationen aus erster Hand beisteuern, da ich zum Zeitpunkt der Geschehnisse die Main Stage bereits in Richtung Hangar (und Emilie Autumn) verlassen hatte. Das Argument jedoch, dass die Zahl der möglichen Auftritte bei einer tatsächlichen Selbstverstümmelung im Mundbereich auf ein kommerziell nicht tragfähiges Maß reduziert würde, erscheint mir ungemein plausibel. Nachdem ich irgendwann in den frühen 90ern leider vor verschlossenen Türen des Zwischenfalls stand und feststellen musste, dass der Auftritt von NOSFERATU kurzfristig abgesagt worden ist, konnte ich diese nun endlich doch noch einmal live erleben. Wie bereits in der Einleitung angedeutet, sollte auch dieses Jahr musikalisch wieder für jeden etwas dabei gewesen sein, was offenbar auch das Wetter veranlasste sich zu denken:„Da mach ich mit, da bin ich dabei“ und von milden Abendstunden, über Regengüsse, welche die Leistungsfähigkeit meiner Zeltimprägnierung an ihr Limit brachten und kleinere Seenlandschaften formten bis hin zu brennender Sonne alles aufbot. Ein Wochenende, an dem man sich sowohl eine Erkältung, als auch einen Sonnenbrand holen konnte. Angenehmerweise scheint Helga langsam im Sterben zu liegen und wird nur noch von vereinzelten Trunkenbolden vermisst. Dafür gab es aber jenseits der offiziellen Veranstaltungen eine Vielzahl spontaner kleiner Parties und sehenswerter Showeinlagen. Früher war halt nicht alles besser. Ein allerletztes Wort zu den sanitären Einrichtungen: den Festivalalptraum überfüllte Dixies gab es nicht und das setzt einen Veranstalter voraus, dem auch so etwas wichtig ist und Geld kostet das auch. Sollte mal erwähnt werden. |